Public Cloud: (K)ein Platz für den Kostenmythos im Jahr 2023

Die meisten Schweizer Unternehmen verstärken auch im Jahr 2023 ihre Investitionen in die «Public Cloud». Die erhofften Effekte zur Optimierung und Skalierbarkeit stellen sich aber oft nicht wie gewünscht ein. Wir prüfen verbreitete Mythen zu den Kosten und stellen Alternativen im Betrieb vor.

Viele Unternehmen in der Schweiz setzen bei ihren Investitionen auf die Strategie «Public Cloud First». Laut einer aktuellen Studie von Gartner geben mehr als 75 Prozent der Unternehmen, die Cloud-Dienste nutzen, an, dass sie eine Cloud-First-Strategie (CFS) implementieren würden.

Beflügelt durch ein breiteres Angebot an nationalen und internationalen Cloud-Dienstleistern mit dedizierten Rechenzentren in der Schweiz (der Standort ist nach wie vor ein gewichtiger Entscheidungsfaktor), soll in den kommenden Jahren der Löwenanteil der Workloads in die Public Cloud verlagert werden.

«Jedes Jahr verlieren Schweizer Unternehmen viele Millionen, weil die Migration in die Cloud grundsätzlich suboptimal aufgesetzt ist.»

Klaas Neubert über die höheren Kosten, die oftmals auf die Migration in die Cloud folgen.

Doch wer sich tiefere Kosten und eine höhere Agilität erhofft, wird in der Realität oftmals enttäuscht, wie Klaas Neubert von Cisco Schweiz weiss: «Die Unternehmen unterschätzen die Gesamtkosten für Migration und Betrieb in der Public Cloud systematisch.» Neubert weiss, wovon er spricht. Er berät seit Jahren nationale und internationale Unternehmen in der digitalen Transformation. «Jedes Jahr setzen Schweizer Unternehmen IT-Investitionen in Millionenhöhe so suboptimal ein.»

Mit ein Grund sieht Klaas auch in der Unkenntnis über attraktive Alternativen, wozu er besonders die On-Premise-Lösungen zählt – insbesondere für Unternehmen, bei denen eine Überführung von traditionellen 3-Tier-Applikationen in ein kosteneffizientes Cloud-native Format nur mit sehr hohen Kosten und Risiken möglich ist.

Die Public Cloud als Kostensenker?

Unternehmen nennen laut Neubert die Hoffnung auf signifikante Kosteneinsparungen als wichtigsten Grund, ihre Workloads in eine Public Cloud zu verlagern. Der Gewinn an Agilität und Flexibilität sind weitere erhoffte Effekte vieler Unternehmen.

FAKTEN: 1

Kostenersparnisse stellen sich nicht automatisch ein

Als Kostenhebel setzen die Unternehmen auf die Reduktion ihrer Fachkräfte – sowohl für Aufbau wie auch Betrieb der eigenen IT-Infrastruktur. Was Unternehmen dabei oft übersehen: Nur wer die Voraussetzungen erfüllt, kann von einer Kostenreduktion profitieren. So bringt eine Migration in die Public Cloud zunächst Mehrkosten für Strategie, Konfiguration der Cloud-Umgebung und Migration.

«Nur wer die Voraussetzungen für Cloud Computing wirklich erfüllt, wird im Betrieb auch Kosten sparen.»

Klaas Neubert über die Erkenntnisse von Costleaders
FAKTEN: 2

Vermeidungsstrategie führt zu Mehrkosten

Die beliebte «like-for-like»-Migration von Applikationen mit der Applikationsarchitektur vom Typ «Bare-Metal» (physische Server) oder «virtualisiert» führt in aller Regel zu keinen echten Kostenersparnissen in der Public Cloud. Erst die Überführung der Applikationen in eine echte Cloud-native Applikationsarchitektur ermöglicht dies.

Kostensparende Lösungen nutzen Microservices und Serverless-Transaktionen der grossen Public-Cloud-Anbieter. Doch eine solche Applikationstransformation ist kostspielig und zeitintensiv. Nicht selten wird diese deshalb gemieden, um die Migration in die Public Cloud nicht noch weiter zu verzögern.

Der agile Wachstums-Mythos von der Cloud

Bei Public Cloud denken viele Unternehmen an grenzenlose Elastizität und Skalierbarkeit. Die zusätzliche Kapazität verspricht dabei schnelles Wachstum. Während ausgewählte Applikationen wie zum Beispiel Online-Shops und Machine-Learning-Algorithmen regelmässig zusätzliche Kapazitäten für einen begrenzten Zeitraum benötigen, haben die meisten Applikationen einen eher linearen Wachstumspfad.

FAKTEN: 3

Der Befund von einem linearen Wachstum gilt nach Neubert für alle gängigen Applikationsplattformen wie ERP-Systeme, Datenbanksysteme oder Dokumentenmanagement-Plattformen. Sie alle wachsen zumeist graduell und erfüllen damit die Voraussetzungen für eine planbare Wachstumsprognose.

Akkurate Wachstumsprognosen durch umfassende Kapazitätsplanung
Die drei Grundelemente jeder Planung:

On-Premise-Alternative für Kostensenkungen

Wer die Kosten im Blick hat, dem bietet die gut ausgelastete On-Premise-Lösung (Private Cloud) eine effiziente Alternative. Denn durch eine umfassende, vorausschauende Kapazitätsplanung können Betreiber von On-Premise Lösungen sehr gut Kapazitätsengpässe vermeiden. Die Alternative dringt laut Neubert aber erst langsam ins breite Bewusstsein – nach wie vor hält sich der Mythos von der kostengünstigen Public Cloud.

FAKTEN: 4

Kostenführer setzen auf die On-Premise-Lösung

Auch Neubert zeigt sich überrascht, vergleicht er die Kosten von Public und Private Cloud über die letzten fünf Jahre. Costleaders, die ihre Private Cloud im eigenen Rechenzentrum extrem kostengünstig betreiben, erzielen Kostenersparnisse von 20 bis 30 Prozent im Vergleich zu der Public Cloud. Um diese Kostensynergien zu erreichen, müssen Unternehmen jedoch einige wichtige Punkte beachten. 

Dazu gehört die Bereitschaft, den On-Premise-Cloud-Betrieb weitgehend zu automatisieren und sich auf die Kernfunktionen einer Cloud zu konzentrieren, also jegliches «Overengineering» zu vermeiden. Ebenso müssen die wichtigsten Erfolgsfaktoren bei der Reduktion von On-Premise-Infrastruktur beachtet und diese einfachen sieben Regeln in den täglichen IT-Betrieb eingebettet werden. Eine akkurate und vorausschauende Kapazitätsplanung gehört ebenfalls dazu, um Kapazitätsspitzen frühzeitig zu erkennen und zu entschärfen.

Experte Klaas Neubert

Klaas Neubert ist Mitglied im Technology Advisory Team von Cisco Schweiz. Der studierte Ingenieur berät globale Unternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz zu strategischen Technologieinvestitionen. Im Vordergrund seiner Tätigkeit stehen Analysen zu Nutzen, Kosten und Maturität neuer Technologien in den Themenfeldern Compute, Netzwerk und Monitoring.

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